George Santayana

Viele Völker in einem Reich

(1934)

 



Anmerkung

Dieser Text erschien im September 1934 in einer kurzlebigen Zeitschrift namens The New Frontier. Es ist interessant, in diesem Artikel zu lesen, dass George Santayana eine aterritoriale Regierungsform befürwortete, um Probleme des Zusammenlebens zwischen verschiedenen kulturellen Gruppen zu lösen. Leider war die Realität, die in der gesellschaftlichen Organisation vor allem im 20. Jahrhundert herrschte, durch etwas gekennzeichnet, das man als nationale Apartheid bezeichnen könnte: Jede nationale Gruppe hat versucht, die alleinige Herrschaft über ein Gebiet zu erlangen, und hat (durch Kontrolle, Ausbeutung, Vertreibung oder sogar Ausrottung) über jede Minderheit geherrscht, die zufällig in diesem Gebiet lebte. Diese Situation muss sich jetzt ändern, wenn wir nicht die schlimmsten Folgen endloser Kriege in Kauf nehmen wollen, in denen die schrecklichsten Waffen eingesetzt werden, über die selbst kleine Gruppen von Menschen verfügen.

Quelle: George Santayana, Many Nations in One Empire. Übersetzt von Jürgen Romberg.

 


 

Eine schwerwiegende Schwierigkeit für den Gesetzgeber der eine vollkommene Gesellschaft errichten will, liegt in der Tücke seines Materials, welches aus einer undefinierbaren Masse von Menschen besteht, die ein bestimmtes Gebiet bewohnen.

Es ist kaum möglich, dass Alle einer Meinung sind; noch, dass alle aufrichtig nach denselben Tugenden streben oder dieselbe Rangordnung der Fähigkeiten anerkennen. Es wird nicht nur Trägheit oder Irrtümer bei der Erfüllung der eigenen Aufgabe geben, es wird nicht nur unausrottbare Untugenden geben; es wird auch unausrottbare Werte und Ansprüche geben, die den vorherrschenden allgemeinen Richtungen widersprechen. Der Gesetzgeber wird daher in Bezug auf diese natürlichen Abweichler und rechtschaffenen Rebellen den Charakter eines abscheulichen Tyrannen annehmen; und wenn er sie nicht gründlich unterdrücken oder für immer verbannen kann (was in dieser überfüllten Welt schwierig ist), wird er seine Arbeit nur durch die Existenz dieser gegenteiligen Tendenz in den Seelen seines Volkes, für immer verdorben und an der Wurzel vergiftet finden, während sie, die unzufriedene Minderheit, seine beispielhafte Disziplin als reine Unterdrückung und sich selbst als Märtyrer betrachten werden.

Diese angeborene Niedertracht der menschlichen Natur ist so heimtückisch, dass, selbst wenn einige auserwählte Heilige auf eine unbewohnte Insel gebracht würden und dort eine heilige Stadt errichteten in der Alle glücklich wären, in der nächsten Generation trotzdem das Unheil beginnen würde. Einige dieser so absolut aufgezogenen Kinder würden atavistisch sein; sie würden eine lange Nase über diese heiligen Dinge drehen; und die Notwendigkeit, solche Boshaftigkeit zu korrigieren oder wenigstens zu isolieren, würde die ursprüngliche Ordnungsform die geschaffen wurde um die menschliche Natur zu verwirklichen und nicht zu unterdrücken, ruinieren.

Eine Lösung für diese Schwierigkeit bietet sich sofort an: Warum sollte man nicht die moralischen Gesellschaften von den territorialen oder stammesmäßigen Einheiten trennen, so dass die Mitgliedschaft in diesen moralischen Gesellschaften, wie in einer freien Kirche, freiwillig ist, angenommen nur von Erwachsenen die sich ihrer Berufung zu diesem bestimmten Leben voll bewusst sind, und ohne jedes physische Hindernis aufgeben sobald diese Berufung erlahmt oder einer anderen ehrlichen Lösung Platz macht?

Der Fall der freien protestantischen Kirchen zeigt, wie ein solcher freiwilliger Zusammenschluss möglich ist und ein inneres Leben fördern kann, dem es nicht an Sanftheit noch an bemerkenswertem Einfluss auf die Gemeinschaft im allgemeinen mangelt. Gleichzeitig sehen wir, dass diese Körperschaften, nachdem sie frei geworden sind und ihre theokratischen Ambitionen aufgegeben haben, selbst für ihre eifrigsten Mitglieder marginal und zweitrangig geworden sind; denn sie bieten nur einen Ort der Ruhe und einen Zufluchtsort am Sabbat, schwach im Denken, nichtig in der Organisation, animiert durch wenig mehr als traditionelle oder übertrieben kritische Gefühle in Bezug auf die derzeitige Gestaltung eines weltlichen Lebens.So erhalten wir also eine moralisierende Gesellschaft, aber keine moralische: die Welt soll bedient und wenn möglich geläutert werden; aber es ist die Welt und nicht die freie Versammlung welche die Heimat und Übungsplatz für den Geist bleibt und die echte moralische Gesellschaft, zu der der freie Christ gehört.

Diese Illustration deutet die Schwierigkeit an, zeigt sie aber nicht in ihrer ganzen Klarheit, denn in einem protestantischen Haushalt kann es eine ebenso strenge Disziplin und eine ebenso erstickende Brutstätte der Autorität geben wie in einer alten römischen Familie oder in einer Klosterschule. Ein baptistischer Pfarrer wird seine Kinder nicht taufen, bevor sie erwachsen sind und eine persönliche Bekehrung erfahren haben; aber er wird sie in dem Sinn erzogen haben, den er für richtig hält, und der Schatten dieser vernichtenden elterlichen Missbilligungen und exakten Erwartungen kann ihr ganzes Leben lang eine Ursache für verborgenen Zwang und Unglück bleiben. Der Einfluss, den eine freie Kirche zum Guten oder zum Bösen ausübt, ist also in Wirklichkeit auf die Abwesenheit von Freiheit in ihr zurückzuführen. Dieser Einfluss ist nur deshalb so stark, weil eine bestimmte strenge Tradition durch Autorität aufgezwungen wurde. Hätte es nur geistige Freiheit und ein rationales Miteinander erwachsener Menschen gegeben, wäre all diese moralisierende Kraft verschwunden.

Sogar die königlichen Akademien und die Freimaurerlogen, wenn sie mehr sind als nur bequeme Clubs, existieren, um den Geist zu beherrschen und nicht, um ihn zum Ausdruck zu bringen. Wir wissen im Voraus, in welche Richtung all diese Schafe geleitet werden sollen. Ein liberales Regime benötigt viele solcher freiwilligen Vereinigungen, um die sozialen Funktionen zu erfüllen, die eine liberale Regierung nicht übernimmt. Diese Vereinigungen entstehen und verschwinden leicht; sie füllen viele Nachmittage mit Versammlungen. Die Versammlungen von Gesellschaften, die auf alte Traditionen zurückblicken und einen starken Rückhalt haben, können eine gewisse moralische und soziale Strenge aufrechterhalten; aber im Allgemeinen dienen sie eher zur Unterhaltung als zur Macht. Das Wasser, das die Leitung der offiziellen Macht zurückgewiesen hat, versickert in diesem Sand.

Der Geist hat und kann keine andere Beständigkeit haben als die seines Organs: ist das Organ flüssig oder flüchtig, so werden die Gedanken und Gefühle, die zu ihm gehören, wie eine Wolke dahintreiben. Wenn dagegen das Organ einen festen Platz im politischen Körper findet, wenn die freie Assoziation in der Gesellschaft Wurzeln schlägt, mag die Regierung die Sache offiziell missachten, aber die private Körperschaft wird in der Tat zu einer zweiten Regierung, zu einem Teil jener halbamtlichen sozialen Ordnung, die die Menschheit wirklich beherrscht. Wenn der freie Organismus harmlos ist und mit der gesetzlichen Organisation zusammenleben kann, braucht letztere nicht beunruhigt zu sein, obwohl ihre Bedeutung und Autorität abnimmt. So ist es mit den vielen in den Vereinigten Staaten privat gegründeten Colleges, ebenfalls überall mit Sport im letzten halben Jahrhundert: er ist zum wichtigsten freien und spontanen Interesse der Jugend geworden und hat sogar eine Art von Scheinpatriotismus hervorgerufen, der dem zum Führen von Kriegen nötigen sehr ähnlich ist. Wenn der freie Organismus hingegen als Rivale oder Feind des herrschenden Systems erscheint, wie die katholische Kirche in Frankreich während der Dritten Republik, kann sich das herrschende System gezwungen sehen, seine Prinzipien zu vergessen, um seine Existenz zu sichern, und viele gehen dazu über, die Freiheiten, zu denen es sich bekennt, zu beseitigen. So muss eine Regierung angesichts der freien Organisationen täglich entweder immer weniger dominant oder immer weniger liberal werden.

Eine andere Art und Weise, in einem großen, unbestimmten Reich Platz für verschiedene bestimmte moralische Körperschaften zu schaffen, wurde vor langer Zeit im Osten toleriert und könnte eine große Zukunft haben. Ein Cyrus kann weite Gebiete erobern; er stürzt nur ihre Herrscher und setzt seine eigenen Satrapen und kleine Garnisonen ein; aber diese Herrschaft bleibt äusserlich und es wird ein wenig Tribut erhoben, der vielleicht reichlich zurückgezahlt wird, angesichts des Schutzes, der gegen weitere Invasionen oder Tyrannei als sicher gilt. Die Römer übernahmen das gleiche System, und danach die Briten bei ihren Eroberungen, die sich von ihren Niederlassungen unterschieden.

Unter einem solchen römischen Frieden, wie wir ihn nennen, ist eine weitere Entwicklung möglich. Nicht nur kann jede Nation innerhalb ihres Territoriums ihre Sprache, ihre Gesetze und ihre Religion unter dem kaiserlichen Schutz bewahren, sondern dort, wo sich verschiedene Nationen vermischt haben, wie es oft in großen Städten oder in Provinzen geschieht, die für jeden Einwanderer mehr oder weniger offen sind, kann jede ihre moralische Eigenart, ihre Sprache, ihre Kleidung und ihr privates Leben Seite an Seite mit den fremdesten Rassen aufrecht erhalten. Weit davon entfernt, sich zu vermischen, würden diese verschiedenen Nationen vielleicht in Hass und Verachtung füreinander schwelgen; und sie würden sich zweifellos solange prügeln, bis am Ende nur noch eine übrig bliebe. Aber die kaiserlichen Mächte erzwingen den Frieden; und vielleicht macht eine Aufteilung in Sektoren oder Dörfer, jedes rein, es den Orthodoxen jeder Sekte möglich, sich auf dem Marktplatz ohne Vergiftung zu treffen.

Die Juden sind ein wunderbares Beispiel für ein Volk, das seine moralische Identität zweitausend Jahre lang ohne territorialen Besitz bewahrt hat. Ihr Schicksal war hart, und die Gefühle, die sie bei ihren nichtjüdischen Nachbarn geweckt haben, waren nicht gerade freundlich.  Die Vorurteile gegen sie waren jedoch eher religiöser als politischer Natur, und selbst die Schwierigkeiten, denen sie bei der Errichtung einer "Nationalen Heimstätte" in Palästina begegneten, waren größtenteils auf die Tatsache zurückzuführen, dass ihre Heilige Stadt auch eine Heilige Stadt für Christen und Moslems ist, wobei die beiden letzteren die militärische Gewalt besaßen und anfangs auch allein darüber verfügten.

Aber nehmen wir an, die Umstände wären anders gewesen. Nichts hätte dann die über die ganze Welt verstreuten Israeliten daran gehindert, überall ihre Religion und ihre Sprache beizubehalten und in Jerusalem eine heilige Stätte zu bewahren, in dem man alle Zeremonien ihrer Gesetze hätte vollziehen können. Um diesen heiligen Kern von Rasse und Religion hätte sich dann ein vollständiges Gebilde von Künsten und Wissenschaften, Sitten und inneren Gesetzen herausbilden können; und dies ohne Armee oder Marine oder Polizei oder örtliche Gerichtsbarkeit. Es hätte genügt, dass das Gewohnheitsrecht, ganz gleich in welchen Ländern sie auch lebten, ihnen den Besitz von genügend Land für ihre Synagogen und Wohnhäuser als Privateigentum zugestanden hätte; und vor allem die Erlaubnis, ihre Kinder in ihren eigenen Schulen, in ihrer eigenen Sprache, bis hin zu den höchsten Studienniveaus denen sie nachzugehen wünschten, zu erziehen. Und ich glaube nicht, dass eine wahrhaft imperiale Herrschaftdie den römischen Frieden auf der ganzen Welt bewahrt, einen Grund hätte, irgendeinem Volk diese moralischen Freiheiten zu verweigern.

 


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