Paul Bonneau

Panarchie, nicht Anarchie, ist die Antwort!

(2013)

 



Notiz

Paul Bonneau ist ein amerikanischer Anarchist, der die Panarchie befürwortet.
In diesem Artikel stellt der Autor fest, dass die Freiheit der Wahl, jenseits der spezifischen Ideologien, auf die sich eine Person beziehen mag, der rote Faden ist, der all jene vereint, die weder ihren Willen aufzwingen noch die Zumutungen anderer akzeptieren wollen. Dies ist im Wesentlichen die Verbindungslinie zwischen allen zivilisierten Menschen.

Quelle: Paul Bonneau, Panarchy, not Anarchy Is the answer, 2013.

 


 

Anarcho-Kapitalismus ist eine gute Antwort für Anarcho-Kapitalisten. Weniger gut, sagen wir für Genossen oder Liberale, Konservative oder sogar für nicht-kapitalistische Anarchisten.

Er ist eine Antwort, nicht die Antwort!

Er ist nicht einmal eine perfekte Antwort für mich. Wenn immer sich Anarcho-Kapitalisten in fast religiöser Ernsthaftigkeit über den Begriff „Rechte“ auslassen, sträuben sich mir die Haare. Ich bin kein Fanatiker. Im Gegenteil, ich bin ziemlich tolerant, ja, ich könnte mir durchaus vorstellen, in einer anarchistisch-kapitalistischen Gemeinschaft zu leben. 

Anarchisten sehen sich gerne als „Avantgarde“ und ich nehme an, in der gegenwärtigen politischen Welt, in der wir uns befinden, noch mehr. Aber eine alt hergebrachte Vorstellung, die man bei ihnen oft findet, ist, dass Anarchie eine politische Philosophie für jedermann sei. Oder wie Churchill es umschreibt: Anarchismus ist die schlimmste Art von Regierung (oder Nicht-Regierung), ausser allen anderen, die ausprobiert wurden. Das gute alte Werturteil.

Panarchisten hingegen neigen dazu, sich Werturteilen zu enthalten. Es ist schwierig einzusehen, warum denn in der Panarchie gilt der Grundsatz „ alles ist möglich“.

Die Wikipedia Definition von Panarchie zeigt verschiedene Interpretationen auf, aber für mich bedeutet sie vor allem zwei bestimmte Dinge:

1. Ein Panarchist glaubt an eine wie auch immer geartete politische Philosophie, die ihm zusagt, und er betätigt sich politisch nur innerhalb dieser politischen Ordnung.
2. Ein Panarchist verweigert sich Zwang durch jene ausserhalb seiner politischen Ordnung.

Eine natürliche Folge dieser beiden Merkmale ist, dass sich ein Panarchist mit Kritik an anderen politischen Haltungen zurückhält sowie ein moderner Katholik sich zumindest öffentlich zurückhalten würde mit Kritik an Lutheranern oder Baptisten und umgekehrt. Es wäre unhöflich und würde nur unnötige Konflikte und Aggression hervorrufen.

Natürlich ist Zwang innerhalb einer politischen Ordnung absolut zulässig - es kommt auf die Ordnung an.

Ein anderes Merkmal, das im allgemeinen Teil der Panarchie ist, ist das der Extra-Territorialität. Mit anderen Worten, Personen unterschiedlicher politischer Systeme leben nebeneinander zusammen, ähnlich wie Personen unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Ich finde dies zwar keine absolute Norm der Panarchie, denn in Anbetracht dessen, dass die Leute dort leben können, wo es ihnen beliebt werden sich zwangsläufig Konzentrationen des einen oder anderen politischen Systems ergeben. Es ist nun mal einfacher, mit seinesgleichen zusammen zu leben. Ich habe diese Vorstellung bereits beschrieben, lange bevor ich von „Panarchie“ gewusst habe. Wir könnten also von einer „feinkörnigen“ Panarchie reden (das Nebeneinander von politischen Systemen) im Gegensatz zu einer „grobkörnigen“ Panarchie. (Politischen Gemeinwesen mit Abgrenzungen). Ich nehme an, dass die „grobkörnige“ Panarchie am Anfang dominiert, später aber die Angelegenheit eher „feinkörnig“ wird, besonders in den grossen Städten.

Nun, ich zweifle nicht, dass der Anarcho-Kapitalismus eine grosse Anzahl Anhänger finden wird, sobald die Leute sehen, wie er in der Praxis funktioniert. Ich zweifle aber sehr, dass er jeden überzeugen wird, vielleicht nicht einmal die Mehrheit.

Wenn man dies als gegeben voraussetzt, so scheint es mir, dass jeder der Anarchist wird, zwangsläufig gleichzeitig Panarchist werden muss, da ein Anarchist Zwang ablehnt. Aber anscheinend gibt es eine ganze Anzahl von Anarchisten, die die Idee des Panarchismus ablehnen. Sie sind zu Missionaren geworden, wie es oft bei kürzlich Konvertierten der Fall ist und können sich nicht damit abfinden, dass ihre Lösung nicht für jeden gültig ist. Ich nehme daher an, dass ohne Zwang als letztes Mittel vermutlich die ignoranten und misstrauischen Massen durch ihre brillante Argumentation und Leidenschaft bekehrt werden. Aber solche Vorstellungen sind schwer ernst zu nehmen. Wäre es nicht einfacher aufzuhören anderer Leute Vorstellungen zu bekämpfen, sich zu entspannen und Panarchist zu werden? Nicht nur leichter, sondern auch produktiver würde ich behaupten.

Jeder kann ein Panarchist sein, aber alle Anarchisten müssen es sein, andernfalls sind sie keine wirklichen Anarchisten. Vielleicht kann jemand versuchen, diese Aussage zu widerlegen, das heisst zu erklären, wie man Zwang ablehnen kann, ohne ihn auszuschlagen. Oder als Alternative, zu erklären wie man die ganze Weltbevölkerung ohne Zwang zum Anarcho-Kapitalismus bekehren kann.

Nun könnten ja einige sehr schlau argumentieren, dass jede Person, die Mitglied irgendeines Gemeinwesens ist, automatisch Anarchist wird (welche Art?), indem er Zwang zwischen den verschiedenen Systemen von Gemeinwesen abschwört, alles andere aber unverändert lässt. Ich weiss nicht, ob dieses semantische Argument etwas zur Diskussion beiträgt, schliesslich können dies alle tun (Abschaffung von Zwang zwischen Gemeinwesen), egal wie man es nennen will. Denken Sie daran, der Zwang zwischen den Gemeinwesen bleibt. Sie können einander nach Herzenslust plagen. Panarchie schreibt keine totale Aufgabe von Zwang vor. 

Ich mache mir übrigens keine Illusionen, dass zwischengemeinschaftliche Gewalt oder Zwang sich mit der flächendeckenden Einführung der Panarchie in Luft auflöst. Es gibt keine panarchistische Utopie, sie ist den Menschen nicht angeboren. Es wird immer Rückschläge geben und jedes einzelne Gemeinwesen muss ein glaubwürdiges Verteidigungsverhalten aufrecht erhalten. Das muss man im Auge behalten. Es gibt immer Platz für Verbesserungen. Ich würde wetten, dass viele Konservative und Liberale - als Beispiel - es leid sind, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen, ohne dass etwas dabei herauskommt. Nun, sie können jetzt aufhören.

Erlauben sie mir, dass ich sage: Es lebe die Panarchie!

 


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