Aviezer Tucker

Panarchie: Der Staat 2.0

(2017)

 



Notiz

Es ist an der Zeit, zu neuen Organisationsformen überzugehen, die auf entterritorialisierten Staaten und der Freiheit jedes Einzelnen beruhen, diejenige Gemeinschaft zu wählen und sich ihr anzuschliessen, die seine Wünsche und Bestrebungen am besten repräsentiert und umsetzt.

Quelle: Aviezer Tucker, Panarchy : The State 2.0, 2017.

 


 

Das herrschende „ Westfälische“ Modell des Staates, dass auf Souveränität über ein Territorium mit Grenzen sowie auf dem Gewaltmonopol über die Menschen, die in diesem Territorium leben, basiert, ist überholt. Es eignet sich für Gesellschaften mit dem Technikniveau des siebzehnten Jahrhunderts sowie „vorglobale“ Gemeinwesen, als geografische Distanzen nicht so einfach überwunden werden konnten und Informationen Monate brauchten, um alle Punkte der Erde zu erreichen.

Stattdessen könnten Staaten aufgrund von sozialen Verträgen anstatt Souveränität Dienstleistungen für die Bürger anstatt Anwendung von Gewalt gegründet werden. Panarchie, eine politische Theorie über nicht territoriale Staaten gegründet auf der Basis von sozialen Verträgen und 1860 vorgestellt von dem belgischen Botaniker und Ökonomen Paul Emile de Puydt, bietet eine Alternative. Die Theorie schlägt vor, dass die Bürger buchstäblich einen sozialen Vertrag, eine Verfassung mit einem Staat unterschreiben und dass sie ihren Staat wechseln können, ohne in zu verlassen, geradeso wie Kunden ihre Versicherungsgesellschaft wechseln können. Eindeutige und freiwillige Verträge haben mehrere Vorteile gegenüber Theorien von standardisierten Sozialverträgen. Sie sind weder mythisch noch hypothetisch, sondern eindeutig und wirklich freiwillig und umkehrbar.

Panarchie erlaubt politischen Akteuren umkehrbare politische Fehler zu machen und dann auszutreten und sich einem anderen Staat anzuschliessen. Im System der Panarchie ist der Anreiz für politische Neuerungen und Verbesserungen der Wettbewerb zwischen Staaten um „Bürgerkunden“. Die Politik würde dann ihre eigene Version von „kreativer Zerstörung“ entwickeln, nämlich wenn gescheiterte Staaten verschwinden und durch besser verwaltete ersetzt würden. Dies würde eine generelle fortschrittliche Entwicklung erzeugen.


Warum sind nicht territoriale Staaten besser?

Das gegenwärtige „westfälische“ internationale politische System basiert auf regionalen territorialen Monopolen, Nationalstaaten. Jeder Staat, (ausgenommen der Malteserorden und Exil Regierungen) besitzt ein Monopol über ein Gebiet und seine Bewohner. Einwanderungsmöglichkeiten und Demokratie schwächen das Machtmonopol des Staates und stärken den Wettbewerb. Aber Einwanderung wird von territorialen Monopolen beschränkt, da sie mit der steigenden Nachfrage nach Dienstleistungen nicht fertig werden. Demokratischer Wechsel einer Regierung erhöht die Effizienz eines Staates nicht. Moderne Nationalstaaten sehen sich einer steigenden Nachfrage nach öffentlichen Dienstleistungen gegenüber: Wohlfahrt, Bildung, Infrastruktur, Kriminalitätsbekämpfung, Gesundheitswesen und so weiter. Angesichts dieser steigenden Nachfrage verhalten sich Staaten wie Monopolisten, die eine steigende Nachfrage nicht ohne eine Erhöhung der Grenzpreise befriedigen können (die in vielen Fällen in der Erhöhung der Steuern und der Schulden zum Ausdruck kommt). Der moderne Nationalstaat stagniert und ist ineffizient. Er hat zu wenig Konkurrenten oder Alternativen, die ihn entweder dazu zwingen, neue Lösungen zu finden oder selbst den Anstieg der Nachfrage zu befriedigen. Stattdessen leben einige „auf Kredit“ leihen sich Kapital zur Deckung der Betriebskosten.

Aus der Perspektive des Konsumenten hängt das  Ausmass eines Monopols von individueller Mobilität und Wahl ab: Wie leicht ist es, für einen unzufriedenen Bürger, in einen anderen Staat auszuwandern? Die Chancen, von einem territorialen Monopol in ein anderes auszuwandern, kann man als Grad der Mobilität auf einem politischen Marktplatz bezeichnen. Territoriale Monopole, die sich aufgrund von erhöhter Konsumenten Mobilität höherem Druck gegenüber sehen, gehen dazu über, diese durch Einwanderungskontrollen zu begrenzen. Aus diesem Grund weisen Staaten, ganz im Gegenteil zu Firmen, die meisten ihrer voraussichtlichen neuen Kunden zurück. Für eine normale Firma, die Erzeugnisse massenproduziert, sind marginale Kunden billiger aufgrund des Mengeneffekts. Je mehr Kunden sie hat, umso preiswerter kann ihr Produkt sein und umso konkurrenzfähiger ist sie folglich.


Abwanderung und Widerspruch

Eine andere intellektuelle Fährte, die zu ähnlichen Ergebnissen führt, ergibt sich aus Albert Hirschman‘s Abwanderung und Widerspruch Dichotomie. Albert O. Hirschman (1915-2012) beschreibt in seinem 1970 erschienenen Buch Exit, Voice and Loyalty: Antworten auf den Niedergang in Firmen, Organisationen und Staaten bietet die Dichotomie von Widerspruch gegen Abwanderung: Je weniger „Voice“ (Widerspruchs-Beschwerde oder Änderungsmöglichkeit) Menschen in ihrer sozialen Organisation haben, je mehr versuchen sie aus dieser den „exit“ (Abwanderung). Widerspruch schafft Loyalty (Unterstützung, Loyalität). Diese einfache Formel kann man anwenden, um die Beziehungen zwischen Individuen und sozialen Organisationen zu erklären, von der Ehe, aus der der Partner, der keine Stimme hat, aussteigt bis zur Emigration aus autoritären Gesellschaften, in denen kein Widerspruch geduldet wird.

Sie erklärt auch die Abwanderung von Mitgliedern aus bürgerlichen Organisationen und Firmen, die ihren Mitgliedern oder Kunden keine „Voice“ einräumen. Die Auswanderer, die als Erste auf die Emigration zusteuern, wären wahrscheinlich die gewesen, die sich am lautstärksten für Reformen eingesetzt hätten. Autoritäre Regierungen, die keine Reformen wollen, begünstigen Abwanderung. Trotzdem, Abwanderung aus allen politischen Gesellschaften in einer Welt von souveränen Territorialstaaten wäre schwierig und teuer, selbst wenn es möglich wäre. Nur eine kleine, oft privilegierte Minderheit ist in der Lage abzuwandern. „Voice“, also die Möglichkeit, die Verwaltung eines Staates zu beeinflussen, hat in einer Demokratie eine grosse Skala von Modellen. Es ist, wie Hirschman analysierte: Wenn die Qualität der Dienstleistungen einer Organisation wie die eines Staates nachlässt und sie sich einer massiven Abwanderung ihrer Bürger gegenüber sieht, kommen ihre Verwalter unter Druck, die Qualität zu verbessern. Sie können auch versuchen, die Abwanderung zu verhindern, indem sie sie als „Desertion, Überlaufen und Verrat“ brandmarken oder in der Politik als Abspaltung. Als Alternative könnten sie gezwungen sein, den Beschwerden ihrer verstimmten Kunden zuzuhören. Aber wenn es keine Abwanderungsoption gibt, oder diese schwierig oder teuer ist, gibt es auch keinen Anreiz für die Verwalter, ihre Dienstleistungen zu verbessern oder ihren Kunden „Voice“ (Demokratie) zugestehen.

Von daher gesehen ist Panarchie ein radikaler Unterstützer der Abwanderung. Die Abwanderungsoption ist ganz besonders nützlich für die Opfer von Konflikten wie z. B. im Mittleren Osten. Unabhängig davon, wie solche Konflikte entstehen, sind sie geprägt von der Unmöglichkeit von Massenabwanderung. Panarchie gibt jedem eine glaubwürdige Option zur Abwanderung. Wenn 18-jährige die Wahl hätte, einen sozialen Vertrag mit mehreren Staaten abzuschliessen, wie viele würden wohl genau die Staaten wählen, die in Kriege verwickelt sind oder die Wehrpflicht kennen?


Panarchie und globaler Wohlstand

Es ist stark anzunehmen, dass Panarchie eine massive Erhöhung der Mobilität für die Armen der Welt schafft und zwar im Zusammenhang mit einer globalen Erhöhung von Produktivität und Schaffung von Vermögen. Sie würde die Welt öffnen für eine wirtschaftlich vernünftige Verteilung von Humankapital. In einer Panarchie können sich die Menschen rund um die Welt bewegen und den sich ihnen bietenden Gelegenheiten, jobs, Vermögen und Ressourcen folgen. Die heutigen Kunden von politischen territorialen Monopolen befürchten einen zunehmenden Druck auf die begrenzten Fähigkeiten von Nationalstaaten (Dienstleistungen von Regierungen und Wohlfahrt). Dies begünstigt Fremdenhass und Rassismus und die Legalisierung von Einwanderungsbeschränkungen auch dann, wenn es für die Bezieher von Regierungsdienstleistungen klar unvernünftig ist, wie z. B. pensionierte Europäer, die von jungen steuerzahlenden Arbeitern profitieren können, speziell von eingewanderten billigen Krankenschwestern oder anderem Pflegepersonal. Ohne Grenzen ist die Geografie abgekoppelt von politischen Verbindungen. Vernünftige Wirtschaftsteilnehmer werden sich räumlich bewegen, um ihre Erträge, Freiheit und Chancen zu maximieren. Die wirtschaftlichen Ergebnisse würden zu einer Art von globaler wirtschaftlicher Produktivität und Boom führen, die die Globalisation des 19. Jahrhunderts übertreffen würden.

Die gegenwärtigen Einwanderungsbegrenzungen bringen die Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht. Wir leben in einer Welt, in der Ideen frei und unmittelbar an fast alle Punkte der Welt reisen können. Der Transfer von Kapital über die Grenzen ist fast ebenso frei. Der Transfer von Gütern und Handel ist zwar nicht so frei wie derjenige von Ideen, aber der Trend, speziell seit dem Ende des Kalten Krieges geht in Richtung von mehr Freihandel. Trotzdem, obwohl der Transfer von Menschen und Arbeit schneller und billiger geworden ist als in irgendeiner anderen Geschichtsperiode, bestehen nach wie vor politische Hindernisse für die Bewegungsfreiheit und Fähigkeit von Menschen in verschiedenen geografischen Gebieten zu arbeiten. Diese Hindernisse haben ihren Ursprung in der destruktiven und wirren Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und trugen zu der grossen Depression der dreissiger Jahre bei. Wenn die Menschen Kapital und Arbeit dort, wo es sie gibt, nicht folgen können, führt dies zu globalen Ungleichheiten, da sie wissen, wo sich Arbeit und Kapital befinden und sich die Vorteile gut vorstellen können, den ihnen geografische Bewegungsfreiheit schenken würde. Zum Beispiel fliesst Kapital oft von riskanten, zu weniger riskanten politischen „erste Welt“ Milieus. Aber die Arbeiter aus den Ländern, die diese Kapitalbewegungen erzeugen, können dem Kapital nicht an diese Orte folgen. Umgekehrt verlagert sich die Produktion in Gebiete mit tieferen Arbeitskosten, oft aus der „ersten Welt“ in die „Dritte Welt“. Aber „erste Welt“ Arbeiter können nicht folgen, amerikanische Arbeiter können z. B. nicht in Mexiko arbeiten. Hindernisse, die die menschliche Bewegungsfreiheit einschränken, rufen allgemeine Ungleichheit, Arbeitslosigkeit, geringe Kapitalrendite und Mangel an qualifizierten Arbeitskräften hervor.


Panarchie und menschliche Würde

In den letzten hundert Jahren haben Einwanderungsbeschränkungen dazu beigetragen, ethnische Katastrophen, meistens Genozide, zu verursachen, indem sie Menschen daran hinderten, Gebiete zu verlassen, die sie dringend hätten verlassen müssen. Ohne Einwanderungsbeschränkungen vor dem Zweiten Weltkrieg wäre z. B.  das Ausmass des Holocausts zweifellos viel geringer gewesen. Das gegenwärtige internationale politische System von souveränen Staaten ist verantwortlich für globale Armut, die man hätte überwinden können, wenn die Leute in der Lage gewesen wären, gemäss ihren Möglichkeiten und Interessen woanders hinzuziehen. Das Elend vieler Leute, die ein glücklicheres, anständigeres und erfüllteres Leben gehabt hätten, falls sie in der Lage gewesen wären, an bessere Orte auszuwandern, hat eher politische als wirtschaftliche Gründe. Die Einwanderungsgeschichte der Vereinigten Staaten zeigt, wie sehr Innovationen, wirtschaftlicher Fortschritt, wissenschaftliche Entdeckungen und kulturelle Beiträge heutzutage durch geschlossene oder ungenügend durchlässige Grenzen verhindert werden. Heroische, mutige und unternehmerische Persönlichkeiten, Avantgarde von wirtschaftlicher Vernunft und Wohlstand, die versuchen, Grenzen zu überschreiten, um ihr Leben und dasjenige von anderen zu verbessern, werden durch Grenzen daran gehindert, ihr Potenzial zu verwirklichen. Tausende von Migranten die jedes Jahr durch Ertrinken, Durst und Ausgesetztsein bei der Überquerung des Mittelmeers in gebrechlichen Booten oder in den Wüsten von Texas und Arizona sterben, oder die Frauen, die in die „erste Welt“ verschleppt werden, um als Prostituierte verkauft zu werden, auch sie hätten ein würdigeres Leben, wenn sie nicht von souveränen Staaten daran gehindert würden, die Grenze zu überschreiten, um eine Arbeit zu finden oder ein Geschäft aufzubauen.

Abseits von unvernünftigem, stammesspezifischem, selbstzerstörerischem Fremdenhass ist ein Grund für die politische Blockade der Migration die Furcht, dass Migranten Ansprüche auf Sozialleistungen erheben, welches das Wohlfahrtssystem als Monopolist nicht erbringen kann und dadurch die Qualität der öffentlichen Dienste für alle sinkt. Panarchie kann diese Befürchtungen ausschalten, da geografische Migranten keine politischen Migranten sind. In einer Welt ohne Staatshoheit spielt der Wohnort keine Rolle beim Zugang zu Sozialleistungen. Staaten ohne Gebietsmonopol würden auf erhöhte Nachfrage wie kommerzielle Gesellschaften reagieren und zwar durch Ausweitung von Produktion und Angebot, um maximalen Gewinn zu erzielen oder durch Erteilung von Franchisen.

Die Entwicklung durch ausländische Direktinvestitionen in unterentwickelte, ärmere Gebiete der Welt ist gegenwärtig beschränkt durch Unsicherheiten und Korruption. Hätten Investoren die Möglichkeit, ihre Investitionen durch ihre eigenen Sicherheitsdienste und legale und juristische Institutionen und Strukturen zu schützen, gäbe es weit mehr Fortschritt und weniger Armut. Panarchie, das heisst eine Welt von sich konkurrenzierenden nicht territorialen Staaten, würde weg von einschränkenden Hindernissen zu Fortschritt führen. Gegenwärtig können Pensionäre zwar vom Norden in weltweit wärmere und günstigere Gegenden ziehen, aber sie können ihre heimatlichen staatlichen Dienstleistungen nicht mit sich nehmen, das betrifft besonders medizinische Unterstützung und persönliche Sicherheit. Nicht territoriale Staaten könnten in der Lage sein, solche Leistungen weltweit anzubieten.

Moralische Argumente gegen die Panarchie ähneln wahrscheinlich moralischen Einwänden gegenüber den Bedingungen von freiem Wettbewerb zwischen privaten Krankenversicherungen: Viele glauben, dass politische Dienstleistungen unentbehrlich sind. Vom Standpunkt des Einzelnen aus gesehen, ist der Bedarf für politische Dienstleistungen wie medizinische Leistungen oftmals plötzlich und unvorhersehbar. Weil der Staat Dienstleistungen erbringen sollte, die das Leben schützen, kann man politische Dienste genau wie medizinische Dienste als Menschenrecht interpretieren. Es ist wohl zu vertreten, dass politische Dienste, genau wie medizinische Dienste nicht vom Einkommen abhängen sollten.

Falls politische Dienste in Menschenrecht sind, können territoriale politische Monopole sie kaum garantieren. Politische Dienste genau wie Krankenversicherungen werden noch heute dem grössten Teil der Menschheit verweigert. Die meisten Bewohner unseres Planeten haben keine Krankenversicherung und keinen Staat, der ihre Interessen verteidigt. Die meisten Menschen leben in Gebieten von autoritären, undemokratischen, despotischen Staaten, die sich nicht um ihre Bedürfnisse kümmern und sie ausbeuten. Sie werden vom internationalen System der souveränen Staaten daran gehindert, bessere politische Dienste, die anderswo erhältlich wären, zu kaufen. Anhänger universeller Gesundheitsdeckung meinen gewöhnlich nationale Gesundheitsdeckung für Bürger von fortschrittlichen Industriestaaten unter Ausschluss von Nichtbürgern und nur für Leistungen, die nicht zu viel kosten. Das gegenwärtige System territorialer politischer Monopole garantiert weder universelle Verteilung von politischen Diensten noch Effizienz bei der Versorgung. Politische Monopole sind weder in der Lage noch willens, die Qualität ihrer Leistungen zu verbessern, noch wirklich effizient bezüglich Preise und Umfang ihrer Leistungen.

Ist es wahrscheinlich, dass sich in einer Panarchie Klassenunterschiede auf einer politischen Stufe reproduzieren, jede Klasse ihren eigenen Staat bewohnen würde? Für Reiche ist es ein Anreiz, Gesellschaften, die ein umfassendes Umverteilungssystem haben, zu verlassen, während wohlhabende Gesellschaften wahrscheinlich ärmere Bewerber, die sich ihnen anschliessen wollen, zurückweisen. Diese politischen Verhaltenssysteme spielen sich im gegenwärtigen System von souveränen Staaten ab, indem Reiche Steueroasen suchen und Armen das Recht abgesprochen wird, in reiche soziale Demokratien einzuwandern. Hingegen hätten in einem freien politischen Markt die Reichen alles Interesse, sich der Art von Staaten anzuschliessen die auch die Armen bedienen, Staaten, die Grundleistungen und geringe Kosten anbieten. Reiche brauchen nicht viele Leistungen, während  Arme sie sich nicht leisten können. Staaten, die ausschliesslich auf Klassen reicher Leute basieren, werden Sicherheitsprobleme haben. Ein Staat mit wenigen, aber reichen Leuten wäre ein lohnendes Ziel für ärmere Staaten mit viel grösserer Bevölkerung. Um Schutz für seine Bewohner zu gewährleisten müsste ein solcher Staat auf ausländische Söldner vertrauen, eine teure und historisch belegt riskante Strategie, denn Söldner können sich leicht gegen ihre reichen Auftraggeber, die von ihnen abhängen, erheben oder ihre Dienste einem höheren Bieter verkaufen. Es wäre für Reiche billiger und viel sicherer, sich einem Staat mit einer breiteren Bevölkerungsbasis anzuschliessen.

Arme können sich kein fortschrittliches Gesundheitssystem aufbauen, da sie weder über Kapital noch Know-how verfügen. Die Armen waren aber in der Tat in der Lage, sich politisch zu organisieren und Bürgerwehren und politischen Parteien zu bilden. Falls kein Staat gewillt ist, sich ihrer anzunehmen, könnten sie ihren eigenen Staat gründen. Es gibt es eine Menge historischer Präzedenzfälle für politische Selbstorganisation von Armen und Diskriminierten gegenüber Gemeinwesen. Staaten können funktionieren, indem sie das Niveau von Ausmass und Einsatz von Kapital variieren.

Panarchie schafft höchstwahrscheinlich eine massiv höhere Mobilität für die Armen der Welt ungeachtet ihrer politischen Beziehung, da Panarchie wahrscheinlich massive positive Auswirkungen auf die Weltwirtschaft hat. Der seit der letzten Generation beobachtete massive Rückgang von globaler Armut als Folge von freierem Handel und Globalisation ist nur ein Vorbote von der Art Fortschritt, den wir mit freiem Personenverkehr erzielen könnten. Es könnte gut möglich sein, dass so wie die Armen zum ersten Mal in der Lage sind, ohne Hunger zu sein und ein elementares Gesundheitssystem zu haben, sie sich auch die Leistungen eines Staates leisten können.


Der Nationalstaat als technisch überholt

Der Aufstieg des Nationalstaates im 19. Jahrhundert fiel zusammen und wurde erleichtert durch verschiedene technologische und wirtschaftliche Neuerungen: Eisenbahnen verbanden nationale Territorien als Transportmittel, Post- und Telegrafen Büros verbanden nationale Territorien durch Informationsübertragung, eine allgemeine Basisbildung verband verschiedene Dialekte nationaler Sprachen und führte zu einer vereinheitlichten nationalen Bürokratie, Bildungssystem und Zeitungen. Heute sind Flugzeuge schneller, billiger und sicherer als Züge (zwar weniger bequem und luxuriös) und haben ein weltweites Verkehrssystem geschaffen. Elektronische Kommunikation hat das Briefwesen ersetzt und hat nicht nur Postbüros überflüssig gemacht, sondern die Welt durch Internet und Satellitenkommunikation verbunden. Diese Kommunikation ist unmittelbar und macht keinen Unterschied zwischen kurzen oder weiten Distanzen. Die englische Sprache ist zur weltweiten Sprache der Wissenschaft, des Internets und globaler Fernsehkanäle geworden. Ob gut oder schlecht, tendieren mit englischer Sprache geborene dazu, einsprachig zu sein, Ausnahme ist die kleine Elite von mehrsprachigen, während alle anderen ihre Muttersprache sprechen und Englisch lernen. Das Aufkommen von globalen mega Städten und Gebieten wie der Nordosten der Vereinigten Staaten von Washington D. C. bis Boston, Nordkalifornien, London, Paris, Berlin und Hongkong, in denen viele Menschen verschiedener Herkunft, verschiedener politischer Identität und Bindung zusammenleben und arbeiten, haben den Nationalstaat überholt. Und zwar in dem Sinne, dass New York und London viel mehr miteinander kommunizieren und miteinander verbunden sind, als sagen wir, London und Manchester oder Belfast. Menschen, die in mega Städten leben, verbindet vielmehr untereinander als Leute, die auf dem Land leben. Konsequenterweise bedeutet der territoriale geografische Standort heute viel weniger als in irgendeiner anderen Geschichtsperiode, da Versorgungsketten und wirtschaftliche Netzwerke die Welt geografisch unabhängig umfassen können. Die nicht territorialen, weltweiten Gemeinschaften von Erfindern, Unternehmern und Visionären, die an Neuerungen und deren Einführung gewöhnt sind, dehnen ihre Horizonte natürlich in politische Bereiche aus und bringen innovative politische Ideen, die der Panarchie nahekommen.

Obwohl sich sowohl technologische und soziale Voraussetzungen für die Panarchie angehäuft haben, sind sie vielleicht nicht genügend. Vor hundert Jahren haben die Dampfmaschine und der Telegraf die Globalisation auch erleichtert, aber auf diese Erfindungen folgte die schrecklichste und mörderischste Anti Globalisierungsphase der Menschheitsgeschichte. Dies Phase unterbrach den Welthandel, isolierte Teile der Welt und führte zu den schlimmsten territorialen Kriegen und Vernichtung menschlichen Lebens in der Geschichte Europas, deren Auswirkungen mindestens siebzig Jahre andauerten. Aus heutiger Perspektive, und ich muss hinzufügen, auch aus einer liberalen und aufgeklärten neunzehnten Jahrhundert Perspektive scheinen die beiden Weltkriege anachronistisch und sinnlos zu sein, denn Land trägt wenig zu Wohlstand bei und Bodenschätze können ein Fluch für andere Wirtschaftssektoren sowie für die Demokratie sein. Die Tatsache, dass sich technologische Erleichterungen und Grundvoraussetzungen für die Panarchie angehäuft haben, bedeutet nicht, dass sich ihr Potenzial verwirklicht, sondern nur, dass es verwirklicht werden kann.


Panarchie und Nachrichtentechnologie

Die zunehmende Kapazität des Internets, Informationen zu übermitteln und von Computern, um diese zu verarbeiten, reduziert die Kosten und Schwierigkeiten, globale Staaten zu regieren. Computer können einige der traditionellen Aufgaben einer Regierung soweit übernehmen, dass sie mit der Funktionsweise von Kreditkarten und Versicherungsgesellschaften übereinstimmen, sie sammeln und verteilen Mittel gemäss einem Vertrag. Die letzten Neuerungen erlauben Computern, Geschäfte durch dezentralisierte Verträge durchzuführen und Währungen herauszugeben und Geldpolitik durch Kryptowährungen festzulegen. Estland z. B. war ein Vorreiter bei der Digitalisierung des Staates, dadurch ist es ihm möglich, so exterritorial wie das Internet zu sein. Estland bietet jedem weltweit die Option, ein „e-Resident“ (e- Einwohner) von Estland zu sein. Im Gegenzug für das Bezahlen von Steuern können „e-Residenten“ ihre Firmen dort registrieren und Geschäfte durch e-Unterschriften durchführen gemäss estländischen und EU Gesetzen und Vorschriften. Estland war ein Pionier in der Digitalisierung des Staates, wodurch viel in der Interaktion seiner Bürger mit dem Staat elektronisch ist und deshalb überall stattfinden kann. Zwei Neuerungen erleichtern diesen Prozess: E- Unterschriften, die sicherer sind als Tinte auf Papier und elektronische Identitätskarten. Estland, ein Land mit wenig mehr als einer Million Einwohner erwartet zehnmal so viele e-Residenten zu haben. Ob wirklich zehn Millionen Menschen rund um den Globus virtuelle Residenten von Estland werden, ist nicht so wichtig wie die Tatsache, dass es möglich ist, durch Computerisierung die Anzahl der Bürger potenziell zu erhöhen, ohne die Anzahl von Regierungsbeamten bedeutend zu steigern.

Öffentliche Dienste und Verbindungen, die Geldmittel und Informationen beinhalten, können elektronisch ausgetauscht und übermittelt werden, andere Dienste kann man an Ort via Internet bestellen, so z. B. Concierge Dienste, die von grösseren Kreditkarten Unternehmen angeboten werden. Gesundheit und Bildung kann vor Ort von Unternehmen bezogen werden, aber wichtiger und umstrittener wäre der Bezug von Sicherheit. In den letzten paar Jahrzehnten haben wir das Aufkommen von privaten Sicherheitsdiensten und die historische Rückkehr von Söldnerarmeen miterlebt. Firmen und NGOs wie World Vision und Save the children heuern Sicherheitsfirmen an, um ihre Angestellten zu schützen. Solche Sicherheitsfirmen können die gleiche Firmenstruktur wie jede andere Dienstleistungsfirma mit lokalen Filialen haben, sie können embryonale Staaten werden.

Das Aufkommen von virtuellen sozialen Netzwerken wie Facebook, Linkedin, Academia und so weiter hat den Wissenschafts- und Risikokapitalgeber Balaji Srinivasan dazu veranlasst, anzudeuten, dass politische Gemeinschaften ihre geografischen Merkmale verlieren und zu sogenannten „clouds“ abwandern und sich in Computerservern  rund um die Welt ohne einen bestimmten Ort einlagern und so wie Staaten sein können. Die relevante Entfernung zwischen Menschen ist nicht mehr die geografische, sonder die geodätische, die kürzeste soziale Linie in einem sozialen Netzwerk zwischen Menschen. „Cloud“ Bildungen können später zu persönlicher geografischer Nähe führen. Emigranten würden sich innerhalb oder zwischen Nationalstaaten bewegen, um Teil einer Gemeinschaft zu werden ohne sich selber aufzumachen… Ungleich der sogenannten Sezessionisten wäre der spezifische Standort von physischer Ballung eher eine Sache der Annehmlichkeit, nicht der Leidenschaft, der zufälligen Geografie, für die es sich nicht lohnt zu kämpfen. Heute hat sich eine der ersten und grössten internationalen Diaspora im Silicon Valley versammelt, verknüpft vom Internet zu dem „cloud“ Kapital der Technologie. Tatsache ist, dass unglaubliche 64% der Silicon Valley Wissenschaftler und Ingenieure von ausserhalb der USA stammen und 43.9 % der Technologie Firmen von Emigranten gegründet wurden.

Srinivasan skizzierte die politischen Auswirkungen der neuen Technologien: Da „cloud“ Bildungen von ständig grösserem Ausmass und Dauer physische Form annehmen, wird es immer machbarer werden, eine neue Nation von Emigranten zu schaffen. Srinivasan spricht von der Idee, den Staat von der Vorstellung eines Territoriums zu lösen, aber überschreitet die Schwelle nicht ganz. Meerbesiedlung, der Bau von schwimmenden Städten ausserhalb der Territorialgewässer Kaliforniens, ist der neueste Versuch, neue Staaten mit freierem Eintritt und Austritt zu schaffen. Wenn kreative politische Unternehmer kein erdgebundenes Territorium finden können, besteht die Möglichkeit, dass sie aufs Meer ziehen und dort prosperieren, jenseits von souveränen Einschränkungen von Immigration, Arbeit und Handel. Allerdings wären solche Gemeinschaften, abgesehen von technischen und materiellen Angelegenheiten, eher territorial statt global. Ohne militärische Macht wären sie leichte Ziele für Nationalstaaten, die sie einnehmen könnten, indem sie ganz einfach die Schiffsrouten, die ihre lebenswichtige Versorgungslinien bilden, blockieren würden. Der Anlass für eine solche Aktion könnte alles Mögliche sein, von Drogenhandel bis zur angeblichen Steuerhinterziehung. Panarchie bietet alle Vorteile solcher neuer Staaten, ohne sich irgendwohin begeben zu müssen, geschweige denn aufs Meer oder zum Mars, Vorstellungen, die sogar wenn sie technisch möglich und zahlbar wären, nur das alte Modell des souveränen Territorialstaates wiederholen, anstatt ein neues und verbessertes Modell des Staates zu schaffen - den Staat 2.0.

 


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